Was bleibt von einem bibliothekarischem Studium übrig, wenn:

  1. sich der Sprachraum fundamental ändert
  2. sich die erlernte Schrift sich verabschiedet
  3. und der Kulturraum ein völlig anderer ist?

Oder anders gefragt. Was müsste ich neu erlernen, um in einer Bibliothek in China oder Syrien zu arbeiten?

Fazit: Da bleibt nicht mehr viel übrig.

Die „Flüchtlingswelle“ ist Vergangenheit. Für die Medien ist das Thema scheinbar erst einmal durch. Meist beschäftigt man sich mit extremistischen Ausreißern oder publikumswirksamen Abschiebungen in mehr oder weniger sichere Drittstaaten. Doch die meisten der Flüchtlinge sind weiterhin da. Es beginnt eine sehr kleinteilige und zumeist wenig publikumsvermarkbare Zeit der Integration. Hier ist eine Geschichte davon.

Die Stadt Salzgitter hat im Jahr 2017 nicht nur über 2.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, es sind noch weitere 2.000 freiwillig hierhergezogen. Insgesamt sind von den 106.000 Einwohnern knapp 4.000 aus Syrien. Wer sich die aktuelle Situation anschaut weiß, die Wenigsten werden wieder in ihre Heimat zurück (können).

Anfang 2016 erreichte mich die Anfrage, ob wir bereit wären eine Praktikantin aufzunehmen. Sie spräche schon recht gut Deutsch und ist seit 2 Jahren in Salzgitter. Ach so, und sie ist Bibliothekarin!

Natürlich war ein Praktikum möglich. Und dann war Sie da. Am 18.Februar 2016 stellte sich die neue Praktikantin im Blog der Stadtbibliothek Salzgitter vor:

Während des Praktikums kamen wir öfter ins Gespräch. Sie zeigte mir ihre Studienbescheinigung der Universität Damaskus.  Das Thema Flüchtlinge war ein Schwerpunkt auf dem Leipziger Bibliothekskongress. Also habe ich Frau Alshouhan eingeladen mitzukommen; Tagesticket besorgt, Bahnfahrkarte besorgt – und nun eintauchen in den Trubel. Übrigens, auch wenn das mich eigentlich wenig berührt, Sie war die einzige Teilnehmerin mit Kopftuch. In dem von mir geleitete Vortragsreihe „Willkommenskultur – Grundlagen“ sprachen alle über Flüchtlinge. Ich brachte Eine mit. 🙂

Sie übersetzte in ihrem Praktikum den Flyer „In einfacher Sprache“ ins Arabische und fand sofort die Schreibfehler beim Niedersächsischen Willkommenspaket der Büchereizentrale. Die Stadt Salzgitter hat einen hohen Migrationsanteil – das findet sich teilweise auch im Team der Stadtbibliothek wieder. Doch mit türkischen oder gar arabischen Wurzeln haben wir Niemanden. Eigentlich bräuchten wir eine Frau Alshouhan. Doch ohne deutsche Papiere ist eine berufliche Integration kaum möglich. Und im Stellenplan gab es keine Möglichkeiten.

Anfang 2017 ermöglichte eine Elternzeit eine Ausschreibung für eine Stelle als FaMi. Befristet für zwei Jahre.

Zwischenzeitlich ist auch das Studium von Frau Alshouhan in Deutschland von der Kultusministerkonferenz (Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen) anerkannt, mit dem Rang eines Bachelor Studiums. Der Studiengang heißt in lateinischer Schrift übrigens „Maktabat wa maalumat“ und der Abschluß „Al-idjaza fi-l-adab“. Eine Bewerbung wäre also möglich. Also bewarb Sie sich auf die Stelle, obwohl diese nicht dem Profil entsprach. Sie wurde zum Bewerbergespräch eingeladen. Und vorab – ich habe an den Gesprächen nicht teilgenommen und ich habe die Entscheidungen nicht getroffen. Es kamen andere Bewerber zum Zug. Doch die bevorzugten Bewerber sagten kurzfristig wieder ab. Und nun?

Die ehemalige Praktikantin passte, wie gesagt, nicht ins Profil, stand jedoch noch auf der Bewerberliste. „Wie integriert man eine syrische Bibliothekarin ins deutsche Bibliothekswesen?“

Diese Frage galt zu klären. Sie benötigt Fortbildung! Möglichst schnell, möglichst umfassend. Die ganze Theorie muß erneuert werden. Am besten Extern. Ich habe mich einen halben Tag durch die Republik telefoniert bis das Passende gefunden war. Das Regierungspräsidium in Gießen hat in Hessen einen Vorbereitungslehrgang für die externe Abschlussprüfung für angehende FaMis im Programm. Vier mal eine Woche in Frankfurt. Eine Prüfung braucht nicht abgelegt zu werden, da der Bachelor Abschluß bereits anerkannt ist. Die hiesige Arbeitsagentur arbeitet eng mit der Stadt zusammen – auch in diesem Fall. Seit dem 1. Juni gehört zum Team der Stadtbibliothek Salzgitter nun eine Bibliothekarin aus Syrien. Solche Flyer sind kein Problem mehr:

 

Die erste Woche ist des Crash-Kurses ist nun vorbei und ich habe die positive Rückmeldung bekommen, das dies genau das ist, was Sie benötigt.

Rückblickend ist zum Wunsch der Bibliotheksleitung sehr viel Glück, wenn nicht gar Zufall, und dann ein klarer Wille der Weg zur Integration gewesen. Die Stadtbibliothek wird eine Win Win Situation erleben, da bin ich fest von überzeugt.

Übrigens, Frau Alshouhan ist nicht die einzige geflüchtete Bibliothekarin aus Syrien in Deutschland. In Bremen und Essen könnte sich diese Geschichte noch einmal wiederholen. Vielleicht! Mit etwas Glück, Zufall und vor allem Wille!

Von 4.000 syrischen Flüchtlingen in Salzgitter ist dies nur die eine Geschichte, wie schwer es sein kann in einem fremden Land mit anderen Kultur Fuß zu fassen mit seiner Ausbildung. Es ist unser/mein Beitrag für gelebte Integration.

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Im letzten Monat des Jahres 2016 ist in der Bibliothek die Ausstellung „Oh, eine Dummel“:

http://www.dummel-ausstellung.de/

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Meine Gedanken dazu habe ich in die Eröffnungsrede gepackt:

Diese Ausstellung hat nun schon einige Orte besucht. In einer Bibliothek war sie jedoch noch nicht. Als ich von der Möglichkeit diese Ausstellung zu ordern gehört habe, wollte ich diese unbedingt auch in der Stadtbibliothek Salzgitter. Dafür gab es drei gute Gründe, die sich alle unter dem Begriff Satire und Bibliothek zusammenfassen lassen.

  1. Im letzten Jahr fand in der Herzog August Bibliothek ein Arbeitskreis zum Thema Volksbibliothekare und Nationalsozialismus statt. Am letzten Tag der Vorträge war klar erkennbar, dass alle untersuchten Bibliotheken und die leitenden Bibliothekare teilweise im vorauseilendem Gehorsam Bestände makulierten, also löschten. Einige waren stramme Nationalsoziallisten, andere wiederum wurden „zwangsrekrutiert“. Was allen Personen jedoch am Ende gemein war, das sie am Ende des Dritten Reiches alle in ihrem Beruf weitermachen konnten. Hochoffiziell rein gewaschen von den Allierten. In Deutschland hat der Bibliotheksverband Jahrzehnte gebraucht um einen Ethikcode zu verabschieden. Und eine Frage treibt uns bis heute um: Was darf in den Bestand? Hitlers „Mein Kampf“ steht als kommentierte Ausgabe auch hier in der Bibliothek. Die Innung war, nach erlöschen des Urheberschutzes, sich schnell darüber klar und einig, dass eine kommentierte Ausgabe zur Aufklärung beitragen kann. Doch der Extremismus kommt nicht nur von Rechts. Ein Beispiel: Ein wunderbar aufgemachtes Buch wurde uns im Bereich Biologie geschenkt. Erst bei der Recherche im Impressum findet sich die kreationistische Abstammung. Auch sehr spannend ist das Feld um die unterschiedliche Auslegung des Koran – den man ja nicht wegschmeißen oder verbrennen darf. Doch was macht Bibliothek dann mit der salafistisch geprägten Ausgabe im Geschenkekorb? In der Stadtbibliothek entzündete sich zuletzt eine Diskussion über Herrn Akif Pirinci, da seine letzten Bücher zwar zu Beginn von der Wochenzeitung „Die Zeit“ oder der politischen Monatszeitschrift „Cicero“ als Satire gekennzeichnet wurden – bis Herr Pirinci bei den Pegidademonstrationen seine Satiren zum Besten gab. Doch bei diesem Ort waren sie keine Satiren mehr. Andere große Bibliotheken haben Herrn Pirinci aus dem Bestand gelöscht, inclusive seiner Felidae Katzenkrimis. Wir halten die gekauften Bücher aus – wenn sich niemand dafür interessiert werden sie von allein irgendwann aus dem Bestand wandern.  In Zeiten des sich steigernden Populismus sind die Bibliotheken stärker denn je gefragt, ob sie sich eines Inhaltes annehmen wollen oder nicht. Viele Bibliotheken abonnieren die Spiegel Bestsellerliste und stellen alles was kommt in den Bestand. Ich sage somit das nächste Problem voraus. Udo Ulfkottes Buch „Volkspädagogen“ über die Lügenpresse aus dem Kopp Verlag wird sicher ein Bestseller. Die Stadtbibliothek Salzgitter entscheidet weiter unabhängig und ohne Vorauswahl, was in unseren Bestand kommt.
  2. Erst gestern Abend war in den Nachrichten zu hören, das der erstarkende Populismus eine Ursache hat: Angst! Angst zu verlieren! Angst abgehängt zu werden. Diese Angst ist laut dieser wissenschaftlichen Untersuchung durch die Stiftung Bertelsmann bei den ärmeren und bildungsschwachen Personenkreisen stärker ausgeprägt. Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland sind vor gut 100 – 120 Jahren entstanden aus dem Gedanken der Volksbildungsbewegung. Eine bürgerlich-liberale Gesellschaft hat auf Vereinsbasis viele heutig kommunalen Bibliotheken entstehen lassen. Die Stadtbibliothek Bielefeld z.B. feiert heute ihren 111. Geburtstag. Die Volksbibliotheken, wovon nur noch die in Fürth diesen Namen trägt, waren die Antwort auf die Arbeiterbibliotheken und vor allem die konfessionellen Bibliotheken des katholischen Borromäusvereins. Die Volksbibliotheken waren eine Säule der Volksbildungsbewegung. Die zweite Säule hat ihren Namen bis heute nicht verändert: die Volkshochschule – die VHS. Gegen Angst hilft nur Bildung. Dieser hundert Jahre alte Ansatz ist heute aktueller denn je. Leider steht die Volksbildung gesetzlich auf eher tönernden Füßen – zumeist als freiwillige Einrichtung. Wenn es ein Landesgesetz zur Regelung des Bibliothekswesens gibt, dann ohne finanzielle Auswirkungen. In Niedersachsen tut sich zurzeit noch weniger. Dass Bibliotheken auch einen kulturellen Bildungsauftrag haben sieht man mit dieser Ausstellung. Das war der zweite Grund weswegen ich „Hier“ geschrien habe.
  3. Der Medienwandel erfasst die Gesellschaft auf voller Breite. Nachrichten-ströme wandern über das Smartphone, die Zeitung auf Papier wird von jungen Menschen kaum noch wahrgenommen. Nachhaltig beeindruckt hat mich das Buch„Redaktionsschluß“ von Stefan Schulz, der auch zur Satire eine Aussage macht. Dieses Buch habe ich kürzlich vorgestellt und eine entsprechende Passage will ich daraus zitieren.

„26,7 Millionen Zuschauer hatten die Abendnachrichten beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ bei ZDF und RTL gesehen. Doch die Mehrheit der Zuschauer war über 65 Jahre. Nicht einmal 2 Millionen Zuschauer waren unter 40. Die Relevanz verlieren also nicht nur die Zeitschriften, sondern alle bisherigen Massenmedien. Und so greifen die ÖR zum einzigen Instrument um im Segment der jungen Zuschauer Marktanteile zu erreichen – sie kaufen Rechte für Fußball.“

Schulz geht auch mit der Presse an sich hart ins Gericht. Doch sicher anders als der eben erwähnte Ulfkotte:

„ZDF Moderator Thomas Walde kann minutenlang reden, ohne danach inhaltlich zitierfähig zu sein. Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker bejubelt das regierungshandeln regelmäßig auf eine Weise, die sogar Regierungssprecher Steffen Seibert peinlich wäre. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, kann überhaupt nur als Lautsprecher der CSU sinnvoll charakterisiert werden. „Brand Eins“ Redakteur Wolf Lotter fasst das Dilemma in einen Tweet: „Viele Journalisten sind zuverlässigere Staatsverteidiger als die Spitzenbeamten, die ich kenne. Letztere wissen ja auch Bescheid.“

Nun möchten sie sicher wissen, wie ich von hier wieder auf diese Ausstellung komme. Es ist die Satire, denn sie ist heute ein wichtiger Informationsfaktor für die Jüngeren. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA:

„Die „Heute-Show“ bringt Details, die in keiner Zeitung mehr stehen; z.B. zur Armenien-Resolution. Und diese Spaßmacher beschäftigen sich mit Personen, nicht mit Programmen. Wahlprogramme oder Wahl-O-Maten sind zwar Kriterien, jedoch nicht an der Wahlurne, weil wir etwas fühlen. Wir fürchten und hoffen. Und am meisten ignorieren wir. Wir vertrauen.“

Und deswegen ist Angst ein gefährlicher Faktor für die demokratische Gesellschaft. Satire klärt auf. Einfach. Auf den Punkt. Und ohne mahnenden Zeigefinger. Dafür mit Raum für eigene Gedanken. Satire hat für einen Teil der Bevölkerung einen Bildungsauftrag. Bibliotheken haben diesen auch. Niedrigschwellig. Schnell verständlich. Und deswegen steht diese Ausstellung heute hier.

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Salzgitter ist groß! Auf 224 km Fläche sammeln sich 31 Ortschaften von wenigen hundert bis über 40.000 Einwohner. Drei Bibliotheken gibt es, für die ich als Leitung zuständig bin und in denen ich arbeite. Meist in SZ-Lebenstedt, oft auch in SZ-Bad und selten in SZ-Fredenberg.

Der Arbeitgeber erwartet, das man sein privates Kfz für dienstliche Zwecke benutzt und vergütet dieses auch mit Kilometerpauschale. Doch bisher gab es nur ein Kfz in der Familie mit zwei Berufstätigen. Irgendwann stellte sich also die Frage nach einem zweiten Gefährt, denn der ÖPNV ist wahrlich nicht gut aufgestellt um die drei Standorte schnell zu erreichen. Und 17 km mit dem Fahrrad zur nächsten Bibliothek kann dauern.

Ein weiteres Auto, nur um seinen Dienst zu machen? Das wollte ich nicht. Zudem gab es privat dafür auch keine Abstellmöglichkeit. Also einen Roller? Dann bitte nur ein Trike wie der mp3 von Piaggio oder der Peugeot Metropolis, denn die kann man mit Klasse 3 Führerscheinen fahren. Nach der Probefahrt war der Händler aber auch ich froh wieder heil angekommen zu sein. Überzeugt hat es mich nicht. Zu laut. Zu „stinkig“. (Ja, ich weiß, das es einen mp3 hybrid gab, der fährt jedoch nur bis 30 km/h elektrisch – dann stinkt er wieder.)

Der Ökö in mir dachte an etwas leises, ruhiges. Elektrisches? Ein Blick auf die Neupreise der E-Autos versprach, das ich locker ein Jahresgehalt für das erreichen der Arbeit aufwenden könnte. Ein gebrauchter E-Smart? Aber ohne Schnellader dauert das ewig. Und mit Schnellader war es mir wieder viel zu teuer. Doch da gab es doch etwas von Renault. Diesen Twizy. Kein Auto, kein Roller – ein Quad! Keine Fenster, keine Heizung, kein Radio – pure elektrische Fortbewegung. Nur, gesehen hatte ich das Ding in Echt noch nie!

Eine Probefahrt im Großraum Braunschweig war gar nicht so einfach zu bekommen. Ein Händler bat mir in wenigen Wochen eine Probefahrt für zwei Tage an. Es war Sommer, warm und nach zweihundert Metern war ich damit das erste Mal auf der Autobahn. Ein Twizy kann übrigens von Haus aus 80 km/h schnell fahren… – wutsch, sausten die Autos an mir vorbei. Die zweite Abfahrt „durfte“ ich dann wieder raus.

Doch die Begeisterung wuchs. Neu war mir der Wagen in gewünschter Ausstattung jedoch zu teuer – um die 9.000 €, zusätzlich Batteriemiete. Nur wenig billiger als ein langsam ladener Smart. Aber gebraucht? In Deutschland waren die Preise im Suchzeitraum hoch und standen zuemeist sehr weit weg. Kein Wunder, auf einen neuen Twizy muss man monatelang warten. Also den Suchkreis auf den einschlägigen Portalen auf die Niederlande ausgeweitet. Und fündig geworden. Der Preis war für deutsche Verhältnisse sehr gut – und Fenster waren auch dabei. Also Transporter gemietet und hinein mit dem Lütten:

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Womit die Frage geklärt ist, ob ein Twizy in einen Sprinter passt. Zurück in der Heimat musste der Wagen eingedeutscht werden. CUC-Bescheinigung, deutscher Tüv, etc. Nach ausgiebigen Studium in den Foren wie Twizy-Forum und Going-Electric gab es neue Reifen, Austausch des Getriebeöls, etwas längere Scheibenwischer für den Sitzriesen.

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Leider gab es einige Diskussionen in der Zulassungstelle, ob das Kennzeichen vorne viereckig sein muss oder ob auch ein Rechteckiges geht. Einfacher war es einen Aufkleber meines Stromversorgers anzubringen – ihr wisst schon, der Öko in mir.

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Also auf gehts. Bei zwei Arbeitsstätten ist das Laden noch kostenlos und beinah vor der Tür möglich. Und so flitze ich nun über die Strassen der großen Stadt. Auch Goslar oder Braunschweig sind schnell erreicht – wen man sich über Ladesäulen informiert ist sogar der Rückweg kein Problem. Zwei Ladekarten und einen Typ2 Adapter führe ich stets mit mir. Sogar bis Torfhaus am Brocken habe ich es schon geschafft – die Bergfahrt saugt jedoch ordentlich am kleinen Akku, der meist zwischen 70 und 60 km hält. Salzgitter ist halt eine Großstadt mit viel Landstraßen darin – sonst geht mehr.

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Auf der Arbeit fand ich dann eine kleine Parknische. Doch da durfte ich nicht lange stehen.

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Irgendjemand hatte etwas dagegen, das ich in der nie genutzten Ecke mein Gefährt direkt an der Bibliothek parke. Doch die wenigen E-Autofahrer halten zusammen. So erfuhr ich, das die Stadt für E-Autos einen eigenen Parkausweis hat. Man kann damit unbegrenzt lange und kostenlos parken, jedenfalls bis Ende 2017. Damit auch direkt vor den Bibliotheken! Wie praktisch! Und ganz legal!

Zwischzeitlich ist es kühler und häufig nasser geworden. Die Scheiben sind eingesetzt. Spritzschutz vorne montiert und Handschuhe, Buff und Mütze meine Begleiter.

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Soviel Aufwand um für seine Arbeit unterwegs zu sein? Normalerweise hätte ich ja noch Werbung fahren können / müssen. „Bücherbüsschen“ oder „Bibliothekarischer Notdienst“ wären eine Option, denn oft nehme ich auf dem Rücksitz (!) ein paar Kisten mit in die jeweils andere Bibliothek. Doch beim Aufräumen zu Hause fand meine Frau etwas Passenderes:

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Das trifft es! Auch wenn der große Benziner zur Verfügung steht, nehme ich lieber den „Zyklopen“. Es macht auch nach Monaten noch Spaß – und die Einwohner dieser großen Stadt sind noch immer am Gucken, wenn ich da ganz leise angebraust komme. Seit den Elektromobilitätstagen vor Ort weiß ich, das es noch jemanden hier mit diesem Gefährt gibt. Das steigert die E-Autorate der Stadt glatt um einige Prozent.

Fazit: Lösung gefunden. Und schlau geworden über das Thema Elektromobilität. Da kann ich nun mitreden.

Erst einmal, ich wusste nicht, das es in Deutschland noch eine öffentliche Bibliothek gibt, die den ursprünglichen Namensgedanken „Volksbücherei“ noch trägt. In Fürth ist das noch der Fall und es ist darüber eine kurze Debatte entbrannt.

Die neue Leiterin Christina Röschlein ist 2011 mit einem Kölner B.A. des Bibliothekswesen ausgestattet worden. Dazu erst einmal Glückwunsch. In so jungen Jahren eine Bibliothek mit diesen Zahlen zu leiten ist keine ganz einfache Aufgabe. Nach knapp einem Jahr gab es auch einen ersten öffentlichen Veränderungsvorstoß von ihr, denn der Name „Volksbücherei Fürth“ erscheint auf den ersten Blick in der Tat antiquiert.

Doch offizielle Begründung für den Namenswechsel, „der Begriff „Volk“ im Nationalsozialismus rassistisch belastet worden ist“, wie hier berichtet ist in der Tat als Begründung humbug. Spannenderweise gab es in Fürth auch noch eine zum Stadtarchiv gehörende Stadtbibliothek, die sich nun in „Wissenschaftliche Bibliothek“ umbenannt hat. Damit gab es bis vor kurzem in Fürth die interessante Konstellation, dass Begrifflichkeiten von 1910 noch im Jahre 2010 ihre Gültigkeit hatten.

Im Rahmen meiner Recherchen bin ich auf viele Stadtbibliotheken um 1900 gestoßen, die jedoch wissenschaftliche Bibliotheken mit allgemeinen Zugang waren und mit der heutigen Bgrifflichkeit „Stadtbibliothek“ nichts mehr gemein haben. In Köln und Mainz gibt es diese Namensrelikte noch heute, die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln zum Beispiel ist nicht mit der Stadtbibliothek Köln zu vergleichen.

Die Volksbildungsbewegung ließ ab etwa 1895 bis in die 1930er Jahre überall in Deutschland „Volksbüchereien“ entstehen – oft als Pendant zur privatwirtschaftlichen Leihbibliothek, die in den Augen der Volksbildungsbildungsakteure nur niedere Literatur anboten. Die Leihbibliotheken verschwanden spätestens um 1960, seitdem haben die kommunalen öffentlichen Bibliotheken quasi ein Buchleihmonopol. Interessant ist, das dieses Monopol gerade durch die E-Books jetzt wieder aufbricht. Sind die Stadtbibliotheken der Kommunen denn wirklich noch Einrichtungen im Sinne der Volksbildungsbewegung? Ist die Volksbildungsbewegung wirklich ein Relikt der Vergangenheit? Seit dem PISA-Schock erinnert man sich doch ganz gerne wieder an seine Wurzeln.

In Fürth klang diese Problematik mit Verweis auf das obigen Zitat nur vereinzelt in den Leserbriefen an. So meint D-Bloxx am 05.04.2014: „Ja klar, und die Volkshochschule heißt künftig Stadthochschule,“ und liegt damit im Kern eines Problems. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Besatzer, vor allem die Amerikaner, versucht das Wort Volk aus öffentlichen Einrichtungen zu streichen. Warum das gerade bei den Volkshochschulen nicht passiert ist, habe ich bisher nicht recherchiert – doch heute wuchern diese Einrichtungen genau mit dem Pfund, das überall in Deutschland die VHS als Synonym für die Erwachsenenbildung gilt. In Fürth ist das nicht passiert, obwohl man quasi als Treppenwitz der Zeitgeschichte die „Hauptstelle in den 1990er Jahren in ein ehemaliges Gebäude der US-Army an der Fronmüllerstraße ausquartiert“ hat.

Zu Beginn der Volksbildungsbewegung war die VHS das eine Standbein, das andere, für viele das Wichtigere, war die Volksbücherei!

Interessant ist aber auch jene Aussage: „Stifter der Volksbücherei war 1904 der jüdische Ehrenbürger Heinrich Berolzheimer. Die inzwischen von der Comödie Fürth als Mieter genutzte Volksbildungsstätte Berolzheimerianum hat der in Amerika erfolgreiche Bleistiftfabrikant aus Fürth nach amerikanischem Vorbild in seiner Heimatstadt etabliert.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Public Library auch in Deutschland nicht mehr gänzlich unbekannt – die Bücherhallenbewegung war das Vorbild. Auch hier ist leider nur die HÖB (Hamburger Öffentliche Bücherhalle) übrig geblieben. Übrigens, oft zum Ärger der Bibliotheken im Hamburger Speckgürtel, selbst Kommunalpolitiker in Reinbek sprachen öfter von der Bücherhalle und meinten doch ihre Stadtbibliothek.

Zu Beginn hat der Bürgermeister die Namensumbenennung verteidigt, doch im Enddeffekt bleibt es beim Alten. Es wird also in Deutschland weiterhin eine Bücherhalle (Hamburg) und eine Volksbücherei (Fürth) geben. Beide erinnern mich damit an die Entstehung der Volksbildungsbewegung.

Natürlich hätte die junge Kollegin auch die „Stadtmediathek Fürth“ ins Leben rufen können, doch im Endeffekt wäre das nicht nur eine Frage des Konzeptes. So manches Mal ist versucht worden, wieder einen einheitlichen Namen zu finden für das was wir Stadtbibliothek, gemeindebücherei, katholische öffentliche Bibliothek oder gar Mediothek nennen. Zuletzt fand ich den Hinweis auf den 1978 entwickelten Flattermann , der noch heute beim deutschen Bibliotheksverband zum Download bereitsteht.

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Auch dieses Signet findet keine vollständige Verbreitung, manchmal sogar eine Abwandlung (Schleswig-Holstein hat ihn in den Landesfarben), doch von dem Standard der Volkshochschulen ist das weit entfernt.

 

Mein Fazit:

Die Namensumbenennung ist verständlich aber wirklich unglücklich verlaufen. Auch heute ist der Begriff „Stadtbibliothek“ nicht mit solch historischen Werten und Normen belegt, wie die „Volksbücherei“. Nun kann Fürth dafür sorgen, das die eine weithin vergessene Begrifflichkeit der deutschen Volksbildungsbewegung weiterhin existiert – und sogar ganz fortschrittlich mit neuem Leben aufgefüllt wird.

 

Hier noch einmal die Links zum Selberlesen:

21.02.2013 – http://www.fuerth.de/desktopdefault.aspx/tabid-954/1595_read-21561/

04.03.2013 – https://www.oebib.de/bibliotheken/bibl-nachrichten/article/2013/03/04/neue-leiterin-startet-durch-in-die-virtuelle-welt/

04.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/further-volksbucherei-mutiert-zur-stadtbibliothek-1.3558826

08.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/streit-in-furth-ist-der-name-volksbucherei-negativ-belastet-1.3565466

09.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/burgermeister-braun-verteidigt-umbenennung-der-volksbucherei-1.3569161

24.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/jetzt-also-doch-further-volksbucherei-bleibt-volksbucherei-1.3600324

 

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