Erst einmal, ich wusste nicht, das es in Deutschland noch eine öffentliche Bibliothek gibt, die den ursprünglichen Namensgedanken „Volksbücherei“ noch trägt. In Fürth ist das noch der Fall und es ist darüber eine kurze Debatte entbrannt.

Die neue Leiterin Christina Röschlein ist 2011 mit einem Kölner B.A. des Bibliothekswesen ausgestattet worden. Dazu erst einmal Glückwunsch. In so jungen Jahren eine Bibliothek mit diesen Zahlen zu leiten ist keine ganz einfache Aufgabe. Nach knapp einem Jahr gab es auch einen ersten öffentlichen Veränderungsvorstoß von ihr, denn der Name „Volksbücherei Fürth“ erscheint auf den ersten Blick in der Tat antiquiert.

Doch offizielle Begründung für den Namenswechsel, „der Begriff „Volk“ im Nationalsozialismus rassistisch belastet worden ist“, wie hier berichtet ist in der Tat als Begründung humbug. Spannenderweise gab es in Fürth auch noch eine zum Stadtarchiv gehörende Stadtbibliothek, die sich nun in „Wissenschaftliche Bibliothek“ umbenannt hat. Damit gab es bis vor kurzem in Fürth die interessante Konstellation, dass Begrifflichkeiten von 1910 noch im Jahre 2010 ihre Gültigkeit hatten.

Im Rahmen meiner Recherchen bin ich auf viele Stadtbibliotheken um 1900 gestoßen, die jedoch wissenschaftliche Bibliotheken mit allgemeinen Zugang waren und mit der heutigen Bgrifflichkeit „Stadtbibliothek“ nichts mehr gemein haben. In Köln und Mainz gibt es diese Namensrelikte noch heute, die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln zum Beispiel ist nicht mit der Stadtbibliothek Köln zu vergleichen.

Die Volksbildungsbewegung ließ ab etwa 1895 bis in die 1930er Jahre überall in Deutschland „Volksbüchereien“ entstehen – oft als Pendant zur privatwirtschaftlichen Leihbibliothek, die in den Augen der Volksbildungsbildungsakteure nur niedere Literatur anboten. Die Leihbibliotheken verschwanden spätestens um 1960, seitdem haben die kommunalen öffentlichen Bibliotheken quasi ein Buchleihmonopol. Interessant ist, das dieses Monopol gerade durch die E-Books jetzt wieder aufbricht. Sind die Stadtbibliotheken der Kommunen denn wirklich noch Einrichtungen im Sinne der Volksbildungsbewegung? Ist die Volksbildungsbewegung wirklich ein Relikt der Vergangenheit? Seit dem PISA-Schock erinnert man sich doch ganz gerne wieder an seine Wurzeln.

In Fürth klang diese Problematik mit Verweis auf das obigen Zitat nur vereinzelt in den Leserbriefen an. So meint D-Bloxx am 05.04.2014: „Ja klar, und die Volkshochschule heißt künftig Stadthochschule,“ und liegt damit im Kern eines Problems. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Besatzer, vor allem die Amerikaner, versucht das Wort Volk aus öffentlichen Einrichtungen zu streichen. Warum das gerade bei den Volkshochschulen nicht passiert ist, habe ich bisher nicht recherchiert – doch heute wuchern diese Einrichtungen genau mit dem Pfund, das überall in Deutschland die VHS als Synonym für die Erwachsenenbildung gilt. In Fürth ist das nicht passiert, obwohl man quasi als Treppenwitz der Zeitgeschichte die „Hauptstelle in den 1990er Jahren in ein ehemaliges Gebäude der US-Army an der Fronmüllerstraße ausquartiert“ hat.

Zu Beginn der Volksbildungsbewegung war die VHS das eine Standbein, das andere, für viele das Wichtigere, war die Volksbücherei!

Interessant ist aber auch jene Aussage: „Stifter der Volksbücherei war 1904 der jüdische Ehrenbürger Heinrich Berolzheimer. Die inzwischen von der Comödie Fürth als Mieter genutzte Volksbildungsstätte Berolzheimerianum hat der in Amerika erfolgreiche Bleistiftfabrikant aus Fürth nach amerikanischem Vorbild in seiner Heimatstadt etabliert.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Public Library auch in Deutschland nicht mehr gänzlich unbekannt – die Bücherhallenbewegung war das Vorbild. Auch hier ist leider nur die HÖB (Hamburger Öffentliche Bücherhalle) übrig geblieben. Übrigens, oft zum Ärger der Bibliotheken im Hamburger Speckgürtel, selbst Kommunalpolitiker in Reinbek sprachen öfter von der Bücherhalle und meinten doch ihre Stadtbibliothek.

Zu Beginn hat der Bürgermeister die Namensumbenennung verteidigt, doch im Enddeffekt bleibt es beim Alten. Es wird also in Deutschland weiterhin eine Bücherhalle (Hamburg) und eine Volksbücherei (Fürth) geben. Beide erinnern mich damit an die Entstehung der Volksbildungsbewegung.

Natürlich hätte die junge Kollegin auch die „Stadtmediathek Fürth“ ins Leben rufen können, doch im Endeffekt wäre das nicht nur eine Frage des Konzeptes. So manches Mal ist versucht worden, wieder einen einheitlichen Namen zu finden für das was wir Stadtbibliothek, gemeindebücherei, katholische öffentliche Bibliothek oder gar Mediothek nennen. Zuletzt fand ich den Hinweis auf den 1978 entwickelten Flattermann , der noch heute beim deutschen Bibliotheksverband zum Download bereitsteht.

Signetoeb

Auch dieses Signet findet keine vollständige Verbreitung, manchmal sogar eine Abwandlung (Schleswig-Holstein hat ihn in den Landesfarben), doch von dem Standard der Volkshochschulen ist das weit entfernt.

 

Mein Fazit:

Die Namensumbenennung ist verständlich aber wirklich unglücklich verlaufen. Auch heute ist der Begriff „Stadtbibliothek“ nicht mit solch historischen Werten und Normen belegt, wie die „Volksbücherei“. Nun kann Fürth dafür sorgen, das die eine weithin vergessene Begrifflichkeit der deutschen Volksbildungsbewegung weiterhin existiert – und sogar ganz fortschrittlich mit neuem Leben aufgefüllt wird.

 

Hier noch einmal die Links zum Selberlesen:

21.02.2013 – http://www.fuerth.de/desktopdefault.aspx/tabid-954/1595_read-21561/

04.03.2013 – https://www.oebib.de/bibliotheken/bibl-nachrichten/article/2013/03/04/neue-leiterin-startet-durch-in-die-virtuelle-welt/

04.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/further-volksbucherei-mutiert-zur-stadtbibliothek-1.3558826

08.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/streit-in-furth-ist-der-name-volksbucherei-negativ-belastet-1.3565466

09.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/burgermeister-braun-verteidigt-umbenennung-der-volksbucherei-1.3569161

24.04.2014 – http://www.nordbayern.de/region/fuerth/jetzt-also-doch-further-volksbucherei-bleibt-volksbucherei-1.3600324

 

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