Im letzten Monat des Jahres 2016 ist in der Bibliothek die Ausstellung „Oh, eine Dummel“:

http://www.dummel-ausstellung.de/

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Meine Gedanken dazu habe ich in die Eröffnungsrede gepackt:

Diese Ausstellung hat nun schon einige Orte besucht. In einer Bibliothek war sie jedoch noch nicht. Als ich von der Möglichkeit diese Ausstellung zu ordern gehört habe, wollte ich diese unbedingt auch in der Stadtbibliothek Salzgitter. Dafür gab es drei gute Gründe, die sich alle unter dem Begriff Satire und Bibliothek zusammenfassen lassen.

  1. Im letzten Jahr fand in der Herzog August Bibliothek ein Arbeitskreis zum Thema Volksbibliothekare und Nationalsozialismus statt. Am letzten Tag der Vorträge war klar erkennbar, dass alle untersuchten Bibliotheken und die leitenden Bibliothekare teilweise im vorauseilendem Gehorsam Bestände makulierten, also löschten. Einige waren stramme Nationalsoziallisten, andere wiederum wurden „zwangsrekrutiert“. Was allen Personen jedoch am Ende gemein war, das sie am Ende des Dritten Reiches alle in ihrem Beruf weitermachen konnten. Hochoffiziell rein gewaschen von den Allierten. In Deutschland hat der Bibliotheksverband Jahrzehnte gebraucht um einen Ethikcode zu verabschieden. Und eine Frage treibt uns bis heute um: Was darf in den Bestand? Hitlers „Mein Kampf“ steht als kommentierte Ausgabe auch hier in der Bibliothek. Die Innung war, nach erlöschen des Urheberschutzes, sich schnell darüber klar und einig, dass eine kommentierte Ausgabe zur Aufklärung beitragen kann. Doch der Extremismus kommt nicht nur von Rechts. Ein Beispiel: Ein wunderbar aufgemachtes Buch wurde uns im Bereich Biologie geschenkt. Erst bei der Recherche im Impressum findet sich die kreationistische Abstammung. Auch sehr spannend ist das Feld um die unterschiedliche Auslegung des Koran – den man ja nicht wegschmeißen oder verbrennen darf. Doch was macht Bibliothek dann mit der salafistisch geprägten Ausgabe im Geschenkekorb? In der Stadtbibliothek entzündete sich zuletzt eine Diskussion über Herrn Akif Pirinci, da seine letzten Bücher zwar zu Beginn von der Wochenzeitung „Die Zeit“ oder der politischen Monatszeitschrift „Cicero“ als Satire gekennzeichnet wurden – bis Herr Pirinci bei den Pegidademonstrationen seine Satiren zum Besten gab. Doch bei diesem Ort waren sie keine Satiren mehr. Andere große Bibliotheken haben Herrn Pirinci aus dem Bestand gelöscht, inclusive seiner Felidae Katzenkrimis. Wir halten die gekauften Bücher aus – wenn sich niemand dafür interessiert werden sie von allein irgendwann aus dem Bestand wandern.  In Zeiten des sich steigernden Populismus sind die Bibliotheken stärker denn je gefragt, ob sie sich eines Inhaltes annehmen wollen oder nicht. Viele Bibliotheken abonnieren die Spiegel Bestsellerliste und stellen alles was kommt in den Bestand. Ich sage somit das nächste Problem voraus. Udo Ulfkottes Buch „Volkspädagogen“ über die Lügenpresse aus dem Kopp Verlag wird sicher ein Bestseller. Die Stadtbibliothek Salzgitter entscheidet weiter unabhängig und ohne Vorauswahl, was in unseren Bestand kommt.
  2. Erst gestern Abend war in den Nachrichten zu hören, das der erstarkende Populismus eine Ursache hat: Angst! Angst zu verlieren! Angst abgehängt zu werden. Diese Angst ist laut dieser wissenschaftlichen Untersuchung durch die Stiftung Bertelsmann bei den ärmeren und bildungsschwachen Personenkreisen stärker ausgeprägt. Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland sind vor gut 100 – 120 Jahren entstanden aus dem Gedanken der Volksbildungsbewegung. Eine bürgerlich-liberale Gesellschaft hat auf Vereinsbasis viele heutig kommunalen Bibliotheken entstehen lassen. Die Stadtbibliothek Bielefeld z.B. feiert heute ihren 111. Geburtstag. Die Volksbibliotheken, wovon nur noch die in Fürth diesen Namen trägt, waren die Antwort auf die Arbeiterbibliotheken und vor allem die konfessionellen Bibliotheken des katholischen Borromäusvereins. Die Volksbibliotheken waren eine Säule der Volksbildungsbewegung. Die zweite Säule hat ihren Namen bis heute nicht verändert: die Volkshochschule – die VHS. Gegen Angst hilft nur Bildung. Dieser hundert Jahre alte Ansatz ist heute aktueller denn je. Leider steht die Volksbildung gesetzlich auf eher tönernden Füßen – zumeist als freiwillige Einrichtung. Wenn es ein Landesgesetz zur Regelung des Bibliothekswesens gibt, dann ohne finanzielle Auswirkungen. In Niedersachsen tut sich zurzeit noch weniger. Dass Bibliotheken auch einen kulturellen Bildungsauftrag haben sieht man mit dieser Ausstellung. Das war der zweite Grund weswegen ich „Hier“ geschrien habe.
  3. Der Medienwandel erfasst die Gesellschaft auf voller Breite. Nachrichten-ströme wandern über das Smartphone, die Zeitung auf Papier wird von jungen Menschen kaum noch wahrgenommen. Nachhaltig beeindruckt hat mich das Buch„Redaktionsschluß“ von Stefan Schulz, der auch zur Satire eine Aussage macht. Dieses Buch habe ich kürzlich vorgestellt und eine entsprechende Passage will ich daraus zitieren.

„26,7 Millionen Zuschauer hatten die Abendnachrichten beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ bei ZDF und RTL gesehen. Doch die Mehrheit der Zuschauer war über 65 Jahre. Nicht einmal 2 Millionen Zuschauer waren unter 40. Die Relevanz verlieren also nicht nur die Zeitschriften, sondern alle bisherigen Massenmedien. Und so greifen die ÖR zum einzigen Instrument um im Segment der jungen Zuschauer Marktanteile zu erreichen – sie kaufen Rechte für Fußball.“

Schulz geht auch mit der Presse an sich hart ins Gericht. Doch sicher anders als der eben erwähnte Ulfkotte:

„ZDF Moderator Thomas Walde kann minutenlang reden, ohne danach inhaltlich zitierfähig zu sein. Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker bejubelt das regierungshandeln regelmäßig auf eine Weise, die sogar Regierungssprecher Steffen Seibert peinlich wäre. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, kann überhaupt nur als Lautsprecher der CSU sinnvoll charakterisiert werden. „Brand Eins“ Redakteur Wolf Lotter fasst das Dilemma in einen Tweet: „Viele Journalisten sind zuverlässigere Staatsverteidiger als die Spitzenbeamten, die ich kenne. Letztere wissen ja auch Bescheid.“

Nun möchten sie sicher wissen, wie ich von hier wieder auf diese Ausstellung komme. Es ist die Satire, denn sie ist heute ein wichtiger Informationsfaktor für die Jüngeren. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA:

„Die „Heute-Show“ bringt Details, die in keiner Zeitung mehr stehen; z.B. zur Armenien-Resolution. Und diese Spaßmacher beschäftigen sich mit Personen, nicht mit Programmen. Wahlprogramme oder Wahl-O-Maten sind zwar Kriterien, jedoch nicht an der Wahlurne, weil wir etwas fühlen. Wir fürchten und hoffen. Und am meisten ignorieren wir. Wir vertrauen.“

Und deswegen ist Angst ein gefährlicher Faktor für die demokratische Gesellschaft. Satire klärt auf. Einfach. Auf den Punkt. Und ohne mahnenden Zeigefinger. Dafür mit Raum für eigene Gedanken. Satire hat für einen Teil der Bevölkerung einen Bildungsauftrag. Bibliotheken haben diesen auch. Niedrigschwellig. Schnell verständlich. Und deswegen steht diese Ausstellung heute hier.

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