Was bleibt von einem bibliothekarischem Studium übrig, wenn:

  1. sich der Sprachraum fundamental ändert
  2. sich die erlernte Schrift sich verabschiedet
  3. und der Kulturraum ein völlig anderer ist?

Oder anders gefragt. Was müsste ich neu erlernen, um in einer Bibliothek in China oder Syrien zu arbeiten?

Fazit: Da bleibt nicht mehr viel übrig.

Die „Flüchtlingswelle“ ist Vergangenheit. Für die Medien ist das Thema scheinbar erst einmal durch. Meist beschäftigt man sich mit extremistischen Ausreißern oder publikumswirksamen Abschiebungen in mehr oder weniger sichere Drittstaaten. Doch die meisten der Flüchtlinge sind weiterhin da. Es beginnt eine sehr kleinteilige und zumeist wenig publikumsvermarkbare Zeit der Integration. Hier ist eine Geschichte davon.

Die Stadt Salzgitter hat im Jahr 2017 nicht nur über 2.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, es sind noch weitere 2.000 freiwillig hierhergezogen. Insgesamt sind von den 106.000 Einwohnern knapp 4.000 aus Syrien. Wer sich die aktuelle Situation anschaut weiß, die Wenigsten werden wieder in ihre Heimat zurück (können).

Anfang 2016 erreichte mich die Anfrage, ob wir bereit wären eine Praktikantin aufzunehmen. Sie spräche schon recht gut Deutsch und ist seit 2 Jahren in Salzgitter. Ach so, und sie ist Bibliothekarin!

Natürlich war ein Praktikum möglich. Und dann war Sie da. Am 18.Februar 2016 stellte sich die neue Praktikantin im Blog der Stadtbibliothek Salzgitter vor:

Während des Praktikums kamen wir öfter ins Gespräch. Sie zeigte mir ihre Studienbescheinigung der Universität Damaskus.  Das Thema Flüchtlinge war ein Schwerpunkt auf dem Leipziger Bibliothekskongress. Also habe ich Frau Alshouhan eingeladen mitzukommen; Tagesticket besorgt, Bahnfahrkarte besorgt – und nun eintauchen in den Trubel. Übrigens, auch wenn das mich eigentlich wenig berührt, Sie war die einzige Teilnehmerin mit Kopftuch. In dem von mir geleitete Vortragsreihe „Willkommenskultur – Grundlagen“ sprachen alle über Flüchtlinge. Ich brachte Eine mit. 🙂

Sie übersetzte in ihrem Praktikum den Flyer „In einfacher Sprache“ ins Arabische und fand sofort die Schreibfehler beim Niedersächsischen Willkommenspaket der Büchereizentrale. Die Stadt Salzgitter hat einen hohen Migrationsanteil – das findet sich teilweise auch im Team der Stadtbibliothek wieder. Doch mit türkischen oder gar arabischen Wurzeln haben wir Niemanden. Eigentlich bräuchten wir eine Frau Alshouhan. Doch ohne deutsche Papiere ist eine berufliche Integration kaum möglich. Und im Stellenplan gab es keine Möglichkeiten.

Anfang 2017 ermöglichte eine Elternzeit eine Ausschreibung für eine Stelle als FaMi. Befristet für zwei Jahre.

Zwischenzeitlich ist auch das Studium von Frau Alshouhan in Deutschland von der Kultusministerkonferenz (Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen) anerkannt, mit dem Rang eines Bachelor Studiums. Der Studiengang heißt in lateinischer Schrift übrigens „Maktabat wa maalumat“ und der Abschluß „Al-idjaza fi-l-adab“. Eine Bewerbung wäre also möglich. Also bewarb Sie sich auf die Stelle, obwohl diese nicht dem Profil entsprach. Sie wurde zum Bewerbergespräch eingeladen. Und vorab – ich habe an den Gesprächen nicht teilgenommen und ich habe die Entscheidungen nicht getroffen. Es kamen andere Bewerber zum Zug. Doch die bevorzugten Bewerber sagten kurzfristig wieder ab. Und nun?

Die ehemalige Praktikantin passte, wie gesagt, nicht ins Profil, stand jedoch noch auf der Bewerberliste. „Wie integriert man eine syrische Bibliothekarin ins deutsche Bibliothekswesen?“

Diese Frage galt zu klären. Sie benötigt Fortbildung! Möglichst schnell, möglichst umfassend. Die ganze Theorie muß erneuert werden. Am besten Extern. Ich habe mich einen halben Tag durch die Republik telefoniert bis das Passende gefunden war. Das Regierungspräsidium in Gießen hat in Hessen einen Vorbereitungslehrgang für die externe Abschlussprüfung für angehende FaMis im Programm. Vier mal eine Woche in Frankfurt. Eine Prüfung braucht nicht abgelegt zu werden, da der Bachelor Abschluß bereits anerkannt ist. Die hiesige Arbeitsagentur arbeitet eng mit der Stadt zusammen – auch in diesem Fall. Seit dem 1. Juni gehört zum Team der Stadtbibliothek Salzgitter nun eine Bibliothekarin aus Syrien. Solche Flyer sind kein Problem mehr:

 

Die erste Woche ist des Crash-Kurses ist nun vorbei und ich habe die positive Rückmeldung bekommen, das dies genau das ist, was Sie benötigt.

Rückblickend ist zum Wunsch der Bibliotheksleitung sehr viel Glück, wenn nicht gar Zufall, und dann ein klarer Wille der Weg zur Integration gewesen. Die Stadtbibliothek wird eine Win Win Situation erleben, da bin ich fest von überzeugt.

Übrigens, Frau Alshouhan ist nicht die einzige geflüchtete Bibliothekarin aus Syrien in Deutschland. In Bremen und Essen könnte sich diese Geschichte noch einmal wiederholen. Vielleicht! Mit etwas Glück, Zufall und vor allem Wille!

Von 4.000 syrischen Flüchtlingen in Salzgitter ist dies nur die eine Geschichte, wie schwer es sein kann in einem fremden Land mit anderen Kultur Fuß zu fassen mit seiner Ausbildung. Es ist unser/mein Beitrag für gelebte Integration.

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