Mensch, ich habe ja einen Blog! Erst neulich sprach mich eine Kollegin an, das Sie bei einer thematischen Recherche auf einen alten Blogbeitrag von mir gestossen ist.

Die Reaktivierung des Blog erfolgt mit einer Reise. Während die Kulturstiftung des Bundes aktuell mit ihrem Programm hochdrei politische und bibliothekarische Personen im Rahmen eines „Tandems“ nach Dänemark und in die Niederlande in schöne, tolle und möglichst neue Bibliotheken verbringt, reist das hier bloggende BibliotheksWesen schon seit Jahren durch die Länder und besucht immer wieder Bibliotheken.

Der Winterurlaub wurde genutzt um einen Abstecher ins Oodi zu machen. Das Oodi ist die neue Bibliothek an zentraler Stelle in Helsinki. Ein Geschenk des finnischen Staates zum 100. Geburtstag an seine Bürger und damit an sich selbst.

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Wer mehr über das Oodi wissen will kann gerne den BuB Bericht von Beate Detlefs lesen. Einige Blicke gleichen sich, doch da Reisen bildet, möchte ich eigene Eindrücke hinzufügen. Natürlich kann man von den riesigen Dimensionen auch in Deutschland träumen, doch mir geht es beim Besuch um realistische Umsetzungsmöglichkeiten. Auch das reiche Düsseldorf fällt mit seiner neuen Zentralbibliothek „Kap 1“ mit 12.600 qm klein aus für nordische Verhältnisse. Ja gut, das Oodi hat nur 10.000 qm – aber ist auch nur eine von 37 Filialen in Helsinki und die Zentralbibliothek ist die Pasila-Bibliothek.

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2017 konnte ich nur eine Baustelle besichtigen. Für das Oodi wurde die Library 10 geschlossen, die ich noch besucht hatte. Auf einer Fortbildung im Institut für Menschenrechte in Berlin im letzten Jahr erwähnte die Dozentin Eeva Rantamo bereits die Barrierefreiheit der neuen Bibliothek von Helsinki. Eine solche Fortbildung wird am 11. April noch einmal von der ekz GmbH in Reutlingen angeboten und ich kann das jedem empfehlen, der sich mit Bibliotheksbau und für Barrierefreiheit interessiert.

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So fällt zum Beispiel auf, das man im Oodi kaum noch Orientierungsdisplays erblickt. Dafür erblickt nüchtern, sachlich und für alle nutzbar eine klassische Orientierungstafel wieder das Licht der Bibliothekswelt. Die gesamte Bibliothek ist dreisprachig und zudem mit vielen Piktogrammen ausgeschildert. Während Finnisch und Schwedisch für Finnland selbstverständlich ist, findet sich hier auch alles in Englisch.

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Und spätestens hier wird mir klar, das auch die Stadtbibliothek Saarbrücken, recht einfach dreisprachig werden kann – Deutsch/Französisch/Englisch wäre eine logische Folgerung.

Ganz ehrlich, diese Massnahme kann recht kostengünstig in deutschen Bibliotheken umgesetzt werden. Ob die schicken Displays, die in deutschen Neubauten immer häufiger auftauchen noch inklusiv sind und nicht nur sehr teuer, vermag ich nicht zu sagen.

Bei Behinderung denkt Deutschland schnell an Rollstuhlfahrer und Blinde. In den nordischen Staaten beginnt die Barrierefreiheit schon beim Kinderwagen.

Kinderwagenabstellplätze sind dort so selbstverständlich, das man sie in kleinsten Bibliotheken findet. Und hier sei es verraten, diese Idee ist auch bei uns schon angekommen und das Gebäudemanagement hat sie in einer Planung berücksichtigt. Auch diese Sache kostet oft nicht viel – bringt jedoch positives Feedback.

Der Verbuchungsplatz für die Kindermedien ist hier noch mal im Vergleich zu sehen. Man beachte die Höhe des Verbuchungsplatzes.

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Unvorstellbar in Deutschland ist auch dieses auf den ersten Blick unscheinbare Bild:

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Direkt neben der Kinderecke gibt es diesen kleinen Gang mit zwei Toiletten für Schwerbehinderte, entsprechendem Bodenleitsystem, einem Wickelraum und einer (!) Toilette für alle nichtbehinderten Menschen. Während man in Deutschland nicht nur im Karneval unsinnige Toilettenfragen stellt, würden sich die Finnen darüber nur wundern. Nicht aus dem Oodi, sondern aus dem finnischen Kaufhaus „Stockmann“ in Helsinki stammt dieses Bild.

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Doch zurück in den neuen heiligen Gral des Bibliothekswesens.

Nur im dritten Stock befinden sich Medien. Im zweiten Stock, der mir übrigens sehr dunkel und wenig von aussen beleuchtet vorkam, gibt es diverse Gruppenräume in allen Größen, Sitzecken, Nähmaschinen, MakerSpaces und den Folierstisch, wenn man mal selber etwas seine eigenen Werke folieren möchte. Letzteres werden wir regelmäßig zum Schulanfang gefragt.

Die Kinderecke ist sensationell und die Kleinen ziehen auch ohne Beschilderung ihre Schuhe aus. Die Gamer haben genauso ihren eigenen Raum, wie die Küchengruppe. Während in Deutschland Bibliothek und VHS meist getrennte Wege gehen, ist das im Norden historisch bekanntermassen anders verlaufen.

Die nordisch klare Sachlichkeit muss man mögen. Es ist versucht worden an Alles und Alle zu denken. Das Wohnzimmer der Stadt ist im Oodi Wirklichkeit – ausser, das die Getränke zu Hause wohl günstiger wären (Preise in Euro im Februar 2019).

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So geht das BibliothekWesen mit zwei Fragen aus dem Haus:

  1. Was ist davon umsetzbar, ohne deutsche kommunale Etats komplett zu sprengen? Antworten finden sich bereits im Text.
  2. Wenn das die Bibliothek der Gegenwart ist, welche Ausbildung brauchen wir da eigentlich in deutschen Bibliotheken?

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Die letzte Frage ist beinah eine Frage der Einstellung. „Die Bibliothek ist für die Menschen da“ wir ja nun sehr häufig zitiert. Aber was für Menschen müssen denn da arbeiten, die für Menschen in der Bibliothek da sind?

Vielleicht findet sich die Antwort auf dem letzten Bild:

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BibliotheksWesen in Bibliotheken müssen Menschen sein, die an die Bibliothek für alle Menschen denken und nicht nur in Zielgruppen und (Ausleih)statistiken. In Deutschland bedeutet das einen Wertewandel, dessen Prozess für mich noch am Anfang steht. Für das Seminar „Inklusion und Barrierefreiheit in Bibliotheken“ bei der ekz am 11. April gibt es noch Restplätze. Bevor wir nach Norden pilgern, können wir uns vorab informieren wie das noch mal ging, mit der „Bibliothek für Alle“. (ScG)

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