Die Zunft der Zimmerer ist noch heute bekannt dafür, das man auf die Walz geht. Also von Arbeit zu Arbeit. Drei Jahre und einen Tag. Unter den BibliotheksWesen gibt es diesen Brauch nicht. Vielleicht hat das bei mir deswegen etwas länger gedauert.

Gestartet in Reinbek (Schleswig-Holstein) und dann über Einbeck (Niedersachsen), Bottrop (NRW), Waldkraiburg (Bayern), Frechen (NRW), Salzgitter (Niedersachsen) nach Saarbrücken (Saarland).

Saarbrücken ist eine lebenswerte Stadt mitten in Europa. Beruflich zufrieden kann man es als Nordlicht hier gut aushalten. Das engagierte Personal der Stadtbibliothek kam aus allen Richtungen der Republik. Zwar steht in meinem Ausweise als Geburtsort „Bad-Godesberg jetzt Bonn“, doch bereits mit wenigen Wochen wurde ich nach Büchen ins Herzogtum Lauenburg exportiert. Meine gesellschaftliche Sozialisation erfolgte somit in Schleswig-Holstein. Schule und Ausbildung erfolgten quer durchs Land. Für das Studium ging man, wie so viele, nach Hamburg. Alles unterhalb der Elbe ist Süden! So bezeichne ich mich als „gelernter Schleswig-Holsteiner“.

Nun also das Saarland als letzte berufliche Station? Eigentlich schon, doch es gab insgeheim immer eine eheliche Vereinbarung. Wenn in der Heimat die passende Stelle wäre, dann…

Das wäre eine Entwarnung, denn Großstädte sind in Schleswig-Holstein rar. Es gibt genau eine Großstadt mehr als im Saarland. Doch dann passierte das, womit man nicht rechnet. Die Bibliothek der Hansestadt Lübeck suchte eine neue Leitung. Die direkte Großstadt meiner Heimat! Da, wo unsere Familien immer noch leben. Und das mitten in der Pandemie!

Jeder Besuch im Norden, egal woher wir gerade kamen, brachte das Gefühl, das viele Menschen unter „Heimat“ subsumieren. Heimat ist für die meisten der schönste Ort der Welt. Die Saarländer sind felsenfest überzeugt, das ihr Bundesland das schönste der Welt sei. Da muss ich mit meinem Lokalkolorit gegenhalten:

Schleswig-Holstein – Deutschlands schönstes Bundesland

Der Slogan „Land zwischen den Meeren“ wurde zwischenzeitlich umbenannt in „Der echte Norden“. Im Glücksatlas sind insbesondere die Holsteiner immer ganz weit oben dabei – Platz 1 mit Hamburg. Die Saarländer, die sich unverständlicherweise mit den Pfälzern den Raum teilen müssen sind nur auf dem vorletztem Platz. Da ist er wieder. Der Heimatfunke. Die Verbundenheit.

Mitten in der Pandemie haben meine Frau und ich also Job und Wohnung gewechselt. Das wäre einen eigenen Blogbeitrag wert. Vorstellungen hinter Plexiglas oder per Videoschalte. Wohnungssuche auf 750 km Entfernung. In leeren Zügen der Bahn quer durch die Republik. In Geisterhotels mit Bescheinigungen übernachten. Absage für Wohnungsbesichtigungen bekommen, weil man aus einem Hochrisikogebiet anreist. Ein Boot im Winter überführen und einen Liegeplatz finden. Die Familien sollte erst informiert werden, wenn alles unter Dach und Fach ist.

Kurz vor dem Umzug bei einem Spaziergang in Saarbrücken entdeckten ich in einem Stapel freigelassener Bücher vor einer Haustür in einer Bananenkiste mit der Aufschrift „Zu Verschenken“, einen der Regionalkrimis, der sich hier verirrt haben musste:

Lübeck Krimi in 1. Auflage von 2006

Spannender als Titel ist die persönliche Widmung, die nicht entfernt wurde. Hier wünscht ein Lübecker Arbeitsteam ihrem Kollegen alles Gute am neuen Arbeitsplatz in Saarbrücken. Meine Kolleg:innen haben mir zum Abschied unter anderem eine 1 Liter Maggiflasche geschenkt. Die höchste Auszeichnung der Integration, die man bekommen kann.

Die bisherigen Stationen reichen von der Kleinstadt mit starker Fachstelle bis hin zu Großstadt fast ohne Unterstützung. So denkt sich das BibliotheksWesen, da kann einen nur wenig überraschen. Doch dann überrascht einen die Heimat. Und so dreht sich der Blog um die Bibliothek der Hansestadt Lübeck, die häufig unter „Stadtbibliothek Lübeck“ firmiert, denn Lübeck stellt das Bibliothekswesen auf den Kopf.

Die Bibliothek der Hansestadt Lübeck ist:

Eine öffentliche Stadtbibliothek mit vier Stadtteilbibliotheken – die einzige Stadt des Bundeslandes Schleswig-Holstein, die nicht Mitglied der Büchereizentrale Schleswig-Holstein ist, jedoch der Onleihe zwischen den Meeren angehört. Eine Bibliothek, die im Bibliotheksverband in der Sektion 2 geführt wird; also bei den öffentlichen Bibliotheken von Städten mit einer Größe von 100.000 – 400.000 Einwohner.

Lichthof im Neubau im Sinne der Public Library von 1979

Eine wissenschaftliche Stadtbibliothek per Bibliotheksgesetz Schleswig-Holstein (§4 Abs.4). Der juristische Bestand hat das Niveau einer wissenschaftlichen Institutsbibliothek. Zudem geht der Bereich Medizin weit über das normale Angebot hinaus. Lübeck fehlt eine alteingesessene Universitätsbibliothek. Im Landesverband des Deutschen Bibliotheksverbandes vertrat man bis zuletzt die wissenschaftlichen Bibliotheken.

Willy-Pieth Lesesaal von 1926 – zwischenzeitlich restauriert – heute „Altbau“ genannt.

Eine historische Bibliothek – nur 10 Meter von meinem Büro entfernt ist der Mantelssaal. Digitalisierungsprojekte mit Inkunabeln und Handschriften gehören zur Aufgabe dieser Bibliothek. Es gibt sogar noch einen Katalog mit Preußischen Instruktionen-Aufstellung, der zum Auffinden manch selten gesuchten Stückes noch herangezogen wird.

Mantelssaal von 1879

Eine vergangene Staatsbibliothek – Lübeck war bis 1937 freie Reichsstadt und Hansestadt. Alle Publikationen wurden hier gesammelt. Bis heute hat die Bibliothek das gesetzliche Pflichtexemplarrecht für die Region.

Klimatisiertes Magazin mit Pflichtexemplaren vergangener Zeiten

Eine Magazinbibliothek – über 600.000 Bände befinden sich in einem zum Teil klimatisierten Magazin an der Trave. Die Bände sind erst im Frühjahr 2021 innerhalb der Stadt umgezogen. Der wohl größte Bibliotheksumzug Deutschlands 2021. Mit hanseatischer Zurückhaltung in drei Monaten durchgeführt.

Magazin in der Einsiedelstraße

Eine Musikbibliothek – mit jahrhundertealten Schätzen im Bereich der Noten, Erstauflagen und Sonderbeständen von Musikern, die in Lübeck wichtig waren.

Publikation von 1979 über die Bestände der Musikbibliothek

Eine Bibliothek, die im Jahre 2022 ihren 400. Geburtstag feiert. Auch, wenn in der Wikipedia man auf ein anderes Datum schließen könnte.

Und somit stellt die Bibliothek der Hansestadt Lübeck mit ihren fast 1 Mio. Medieneinheiten etwas dar, was in der Bibliothekslehre in Deutschland so eigentlich nicht mehr existieren dürfte – eine regionale Universalbibliothek. Darauf ein Stückchen Marzipan!

Hanseatisch zurückhaltend in der schmalen Hundegasse 5-17 in der UNESCO-Welterbe-Innenstadt fällt gar nicht auf, wie groß der Komplex ist. Da hilft ein Modell für die Übersicht.

Model der Bibliothek der Hansestadt Lübeck – Hundestraße 5 – 17
  1. der Neubau von 1979 teilweise hinter eine alten Fassade versteckt.
  2. im Haus Nr. 17 haben viele Beschäftigte ihr Büro. Das Gebäude ist aus dem 16 Jhr.
  3. der Bau von 1926 mit dem Willy-Pieth-Lesesaal und rechtswissenschaftlichen Bestand (Altbau)
  4. der Mantelssaal
  5. der Scharbausaal – ein ehemaliger Schlafsaal von Franziskanermönchen, der sich bis ins Katharineum (Kirche) durchzieht. Das Schmückstück des Hauses:
Scharbausaal (Gründungsraum 1616 – 1622 der Bibliothek, Bausubstanz etwa von 1354/1356)

Es gibt so viele unterschiedliche Räume, Gänge und Treppenhäuser, das Walter Moers seine „Stadt der träumenden Bücher“ hier fast verfilmen könnte. Das alte Magazin z.B. ist heute normal zugänglicher Teil der öffentlichen Bibliothek. Die Regale sind gleichzeitig die tragenden Teile dieses Gebäudeteils.

offenes Magazin am Neubau in der Hundestraße

Geheime Übergänge, blinde Türen, verwunschene Gärten, verborgene Schätze – nach mehreren Monaten schaffe ich es, Fremde so durchs Haus zu führen, das diese am Ende nicht mehr wissen wo Sie sind…

Tür mit Aufschrift „Handschriften und Frühdrucke“ im Scharbausaal

Übrigens, auch die Bezeichnung der Leitung ist nicht einheitlich:

  • wissenschaftlicher Mitarbeiter laut Arbeitsvertrag
  • Bereichsleitung Bibliothek in der Verwaltungsgliederung
  • Bibliotheksdirektor in der Außendarstellung
Könnte wieder ein kleiner Bibliotheksgarten werden, aber eine fremde Mauer ist einsturzgefährdet – so bleibt der Dornröschenschlaf

Die Vorgänger:innen haben unterschiedlich große Fußstapfen hinterlassen. Es ist mir eine Ehre diese Einrichtung in meiner Heimat die nächsten Jahre leiten zu dürfen. In letzter Zeit wurde stark unter dem Begriff „Stadtbibliothek Lübeck“ firmiert. Das ist definitiv zu Kurz gegriffen. Der offizielle Name „Bibliothek der Hansestadt Lübeck“ wird nun wieder häufiger zu lesen sein. Das zeigt mehr den Charakter dieser historisch-modernen ÖB/WB Institution mit Magazinarchiv…

Die Wanderjahre sind vorbei. Wir sind wieder im Heimathafen.

„Sisu“ im Passathafen Lübeck-Travemünde

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